Moderation zum Thema Künstliche Intelligenz beim IDZ

Am 21. September hatte ich die Freude, die Veranstaltung Designdiskurs unter der Überschrift DIE ZUKUNFT DER ARBEIT zum Thema KÜNSTLICHE INTELLIGENZ zu moderieren. Ein kontroverser Abend, der versucht hat, ein wenig Klärung aber auch mögliche Visionen zu bieten.

Natürlich konnte so ein Thema nicht ohne kritische Positionen diskutiert werden, wobei die Gäste auf dem Podium (Luba Elliott, Prof. Dr. Patrick van der Smagt und Ramzi Rizk) erstaunlich gelassen blieben. Mehr zu der Veranstaltung und den Teilnehmern gibt es hier.

Da Fragen manchmal ebenso relevant wie die Antworten sind, hier ist eine Auswahl meiner Fragen als Vorbereitung zu dem Abend:

Die Automobilindustrie steht vor einem radikalen Wandel. Von dem, was die letzten 130 Jahre bei einem Auto fasziniert hat, scheint nicht viel übrig zu bleiben. Das Produkt Auto selbst scheint sich als eine Art Enzym in einem Mobilitätskonzept aufzulösen. Welchen Einfluss hat, aus deiner Sicht, KI bei diesem Prozess und welche Szenarien gibt es für dich aus deiner Sicht?

Human-Maschine bzw. in deutsch Mensch-Maschine scheint ja immer noch ein Begriff der Szene zu sein. Kann es nicht sein, dass der Begriff nicht mehr funktioniert, dass man eher von dem Menschen und einem imaginären System sprechen sollte, das nur wg. der Eingeschränktheit des Menschen vielleicht als eine Art Roboter daherkommen muss?

Im Internet findet man deine Arbeit für eine US-Amerikanerin, die nach einem Schlaganfall vollständig gelähmt war und durch einen Roboterarm, den sie über ein Implantat im Gehirn steuerte, eine substanzielle Hilfe bekam. Das Glück der Frau kann man sich vorstellen. Hattet ihr schon den Gedanken, dass man doch einen viel cleveren Arm bauen könnte = das Design eines Arms einfach neu denken?

Im Jahr 1909 (ich wiederhole: 1909) schreibt E.M. Forster das kleine Buch DIE MASCHINE STEHT STILL. Dort beschreibt er die Welt des Internet und der Digitalisierung mit einer visionären Kraft, von der Jaron Lanier sagt: ‚Keiner weiss, wie er das gemacht hat‘. Welche Visionen einer fernen Welt werden für dich heute schon deutlich oder: wer waren oder sind für dich die herausragenden Visionärinnen und Visionäre, die uns eine Geschichte der Zukunft erzählen.

Letzte Woche (1867) vor 150 Jahren wurde DAS KAPITAL von Karl Marx veröffentlicht. Dort zeigt er ein Bild der Arbeitswelt, bei der er die Last des Arbeiters als TAUSCHWERT bezeichnet. Sein Produkt wird zum GEBRAUCHSWERT = das positive Delta, zur Rendite des Produzenten. Wenn der TAUSCHWERT in einer Welt der KI-gesteuerten Robotik in Zukunft wegfällt, welchen Wert hat dann der Mensch, bzw. welchen neuen Sinn muss dann das Leben selbst finden?

Wir lernen ja im Grund auf drei Wegen. Penetration = Übung, durch eine Art Trauma = Schock – idealerweise gibt es ja auch positive Traumata wie: sich verlieben) oder im besten Fall durch Motivation (wobei hier immer das MOTIV klar sein muss). Wie funktioniert das bei der KI im Zusammenspiel mit dem Menschen?

In dem Buch THE CIRCLE von Dave Egger wird das Prinzip der Transparenz quasi heilig gesprochen. Das System fordert (damit der Circle sich schliessen kann) die totale Transparenz des Menschen. Transparenz klingt ja auch toll, klingt irgendwie sozial, offen, freundlich. Aber gleichzeitig ist es ja auch eine brutale Vergewaltigung des Begriffes Transparenz. Facebook und Co schaffen ja auch ein Art Atmosphäre, man wäre etwas asozial, wenn man die anderen nicht an seinem Leben teilnehmen lässt. Nicht zuletzt das private Bild spielt hier eine grosse Rolle. Gibt es für dich Grenzen?

Hier im Raum gibt es jede Menge Designer. Das Bild bzw. die Gestaltung eines Bildes schien bis heute eine originär menschliche Leistung. Gestaltet man in Zukunft wie eine Art DESIGN-DJ, der über virtuelle Schieberegler nur noch STYLES in einen digitalen Raum wirft und am Ende (vielleicht noch) entscheidet? Oder kann es sein, dass das System in Zukunft sogar das visuell bessere Auge hat?

Google arbeitet an KI-Systemen, die zb. die Bilder auf den Smartphones eines Anwenders analysiert. Wenn dort zb. ein spezielles Restaurant erkannt wird, gleichzeitig aus den geodätischen Daten deutlich wird, dass die Person öfter in der Gegend ist, kann die Speisekarte automatisch nach den Allergien bzw. Vorlieben analysiert werden und macht dann einfach Vorschläge, was er dort essen sollte. Ist das jetzt toll, oder sollte uns das Angst machen?

In Zukunft sollen KI-Systeme Bilder sensorisch lesen und interpretieren können. Es gab schon 2007 ein Startup mit dem Namen Photosynth. Der Gründer Blaise Aguera hat damals ein System vorgestellt, wo ein System aus Millionen Flickr-Bildern von Notre Dame ein perfektes dreidimensionales Bild der Kirche mapt. VOR ZEHN Jahren! Letzte Woche hat Apple mit FACE ID ein neues System vorgestellt. Was sind deine Visionen? Welche Anwendungen dieser Technologien sind tatsächlich sinnvoll und vertretbar?

Mozart hat seine eigenen Stücke oft nur ein- oder zweimal gehört. Seit Jahrzehnten ist Musik ein inklusiver Begleiter, der heute meist nur noch gestreamt wird. Könnte man sich ein System vorstellen, dass in Zukunft mir auch den bewussten Akt: ICH MACHE JETZT DIESES BILD abnimmt und einfach irgendwie mein Leben so perfekt dokumentiert, dass ich mich damit nicht beschäftigen muss? bzw. dass damit mein Leben wesentlich professioneller aussehen könnte?

Was hälst du von einem System, das mir erlaubt, all das HERAUS ZU FILTERN was ich nicht sehen möchte. Zum Beispiel: Ich wurde gestern von meiner blonden Freundin verlassen und möchte jetzt, dass alle Blondinen aus der konkreten Welt, in der ich mich bewege herausgerendert werden (Ansätze dazu hat eine israelische Firma schon vor 5 Jahren im Zusammenhang mit Google Glasses vorgestellt)?

Google hat das Thema künstliche Intelligenz zum Kern all seiner Aktivitäten erklärt (übrigens schon vor mehr als zehn Jahrenm – Google Chef Sundar Pichai sagte bei der letzen Google-Konferenz: ALLE PRODUKTE UNSERE PRODUKTE WERDEN MIT HILFE VON KI NEU AUSGERICHTET.). Könnt ihr euer Bild von Google in, sagen wir, 10 Jahren zeichnen. Was hat das Unternehmen vor? In welche Bereiche wird Google noch vordringen?

Die Firma BOSCH hat in ihren Forschungsabteilungen Künstler und Kreative eingestellt und nennt diese STRANGE AGENTS. Deren einzige Aufgabe ist, mit der Arbeit der Forscher und Entwickler irgendetwas total verrücktes und abwegiges zu machen. Brauchen die Unternehmen dieses CREATIVE DOPAMIN um nicht blind zu werden in einer Welt, die sich teilweise selbst zu überholen scheint?

Welche Rolle spielt Hirnphysiologie, generell das Verständnis des menschlichen Gehirns für das Thema KI generell bzw. welche konkreten Erkenntnisse und Ergebnisse (für Produkte und Services) werden dafür abgeleitet?

Der Begriff DISRUPTIVE hat sich in das Bewusstsein der sogenannten KREATIVEN INDUSTRIE (blöder Begriff) eingebrannt. Welche Rolle spielt RADIKALES, WILDES, EXTREMES DENKEN für eure Arbeit.

In der Hirnphysiologie gibt es den Begriff der VORBEWUSSTEN REIZAUSWERTUNG = bis zu 1.7 Sekunden, bevor unser VORDERER KORTEX glaubt (= wir) eine eigenen Entscheidung getroffen zu haben, haben die BASAL-GANGLIEN dies schon für uns entschieden. Kann es sein, dass KI-Systeme für die Menschheit zu einer Art kollektiver BASAL-GANGLIEN werden, die uns vorgaukeln, dass wir DIE DINGE noch selbst entscheiden?

Es gibt ja seit längerem den Begriff Transformation Design (dazu auch ein tolles Buch von Harald Welzer und Bernd Sommer). Darin wird im wesentlichen beschrieben, dass Design in Zukunft stärker nach der Relevanz des Möglichen, dem Sinnvollen fragen sollte: Also eher Themen rund um dem Umgang mit Ressourcen oder soziale Wirkungen und die damit verbundenen globalen Wirkungen. Kann es sein, dass die KI uns alle zu digitalen BESOFFENEN macht, die gebeugt über ihre Systeme gar nicht mehr mitbekommen, was wirklich wichtig ist.

09.10.2017
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